Von Afghanistan in die norddeutsche Tiefebene: Ausstellung im Amtsgericht Osterholz-Scharmbeck

Amtsgericht OHZ: Acht junge Geflüchtete stellen ihre Bilder aus

Freitag, 20. Mai, 11.15 Uhr. Amtsgericht Osterholz-Scharmbeck. Jugendrichterin Inken Tittel ruft den nächsten Fall auf, das Kunstprojekt von Jule Stegemann-Trede und Silke Gunkel. Konkret geht es um acht junge Geflüchtete aus Afghanistan und dem Iran. Sie leben derzeit in der Borgfelder Einrichtung Hein Heuer. 

Seit Oktober 2015 können sie ihre kreativen Talente im besagten Projekt der beiden Künstlerinnen entdecken, entwickeln, verfeinern. Eine Gerichtsverhandlung der besonderen Art. Statt einer Anklageschrift bekommen die Jugendlichen viel Beifall für ihre 22 ausgestellten Bilder.

Wie wichtig das Mal- und Zeichenprojekt von Jule Stegemann-Trede und Silke Gunkel war und immer noch ist, verdeutlicht der kleine Film, der Ende Januar, kurz vor Schließung der Notunterkunft, entstanden ist. Diese Oase der Ruhe und der Besinnung hat den Alltag für die Jungs bunter gemacht. 

 

 

 

Rückblick. November 2015, Sporthalle Am Saatland, Borgfeld. Jule Stegemann-Trede und Silke Gunkel erzählen, wie es mit ihrem Projekt angefangen hat:

Zwischen den letzten Krümeln und den liegengebliebenen Eierschalen bauten wir unsere Utensilien und unsere ersten Kontakte auf.

Anfangs kommunizierten wir mit Händen und Füßen, auf englisch und französisch, mit Übersetzern wie Mina. Mit kurzen Sätzen. Später immer mehr auf deutsch.

Für uns selber haben wir ein Vokabelheft farsi / deutsch angelegt und stetig ergänzt. Auf diese Weise konnten sich unsere "Künstler" bald verständlich machen:

"Tante, ich brauche ein Radiergummi, einen grünen Stift." "Ich male die afghanische Flagge." "Ich brauche ein Lineal."

Als die Abiturientinnen Lena und Anna und unsere Töchter zur Gruppe stießen, wurde die Motivation noch größer, sich mitzuteilen.


Download
Kreisblatt 2016-05-24.pdf
Adobe Acrobat Dokument 253.5 KB

Die acht Talente im Steckbrief

  • Amir H.B.
    16 Jahre, im Iran geboren, dort sechs Jahre zur Schule gegangen. Als Hilfskraft auf dem Bau gearbeitet. Er wünscht sich endlich einen Schulplatz in Deutschland.

  • Jamshid
    17 J., aus Afghanistan, hat statt zur Schule zu gehen schon als Kind arbeiten müssen, später als Hilfskraft in einer KFZ-Werkstatt. Jetzt hat er immer ein Buch unterm Arm, lernt fleißig und will etwas erreichen.

  • Sadiullah
    15 J., aus Afghanistan, hat mit 10 Jahren schon in einer Tischlerei gearbeitet, dann auf der Flucht in einer türkischen Supermarkt-Bäckerei.

  • Mohammad
    17 J., geboren im Iran, aufgewachsen mit vier Brüdern, hatte Glück und durfte eine Zeit lang dort zur Schule gehen.
  • Noorulla
    15 J., aus Afghanistan, möchte gern im Kindergarten arbeiten. Ist ein begnadeter Tänzer und ein guter Netzwerker unter den Jungs; wartet sehnsüchtig auf einen Schulplatz

  • Amir H.
    17 J., aus Afghanistan, liebt Großstädte wegen ihrer Hochhäuser, kommt vom Lande und möchte mit uns ein persisches Reisgericht kochen.

  • Abbas
    17 J., geboren in Afghanistan. Meister der feinen Zeichnung. Malt gerne mit Fine-Liner.

  • Mustafa
    17 J., aus Afghanistan, ein paar Jahre zu Schule, nebenbei im Supermarkt Obstkisten ausgeladen. Hat sich selber Englisch beigebracht - mit dem englischsprachigen Zeitungspapier, in das das Obst eingepackt war.